Offener Brief an Thomas Schmidinger und Josef Cap

Lieber Thomas,
Hallo Herr Cap,

ich versuche, mich ebenfalls in die Diskussion um Alkoholverbote in Restaurants einzuklinken. Am besten klappt das für mich, wenn ich mir ein Analogon zusammen bastle: ich stelle mir jetzt vor, mein Lieblingslokal beschließt von heute auf morgen, keine T-Bone-Steaks mehr zu servieren. Ich fürchte aber, es wäre mir ziemlich plunzen, denn das Lokal, selbst wenn es zuvor die besten T-Bones serviert hätte, wäre immer noch mein Lieblingslokal.

Ich würde halt vegetarisch bestellen.

Empatieversuch klappt so nicht.

Erneuter Versuch. Vielleicht liegt es daran, dass das Beispiel nicht „herrschsüchtig“ genug ist,  der Restaurantbetreiber nicht nachdrücklich genug versucht, meine Kultur zu dominieren. Aber die Vegan- oder Bio-Küchen klingen ideologisch manipulativer, also versuch ich’s damit:

Ich stelle mir vor, besagtes Restaurant stellt um auf vegane Küche. Oder sperrt zu und betreibt fortan nur mehr einen Bio-Bringdienst. Ich gehe in mich und überprüfe in jeder Faser meines Seins, wie der Restaurantbetreiber versucht, mich zu dominieren. Ok. Da bewegt sich ein gewisser Unmut, tief drinnen. Aber ganz klappt das auch nicht, ich bin zwar enttäuscht, ja, ich empfinde eine gewisse Wehmut; aber das reicht immer noch nicht, es ist immer noch zu persönlich, zu sehr bin ich noch lediglich in meiner individuellen Ess- und Trinkgewohnheit eingeschränkt, viel zu wenig trifft mich das in meiner liberalen und aufgeklärten Lebenshaltung, um damit das große politische Spiel anzustoßen. Denn das Teufelchen auf der Schulter fragt: beherrschen vegane Lokalbetreiber durch eine unerfindliche Magie die Geister und die Herzen ihrer Gäste? Oder revolutionieren Bio-Bringdienste den Autoverkehr, indem sie mit ihrem organischen Auspuff-Voodoo die Luftreinhaltungsgesetze unterschreiten?

Ich fürchte, es klappt immer noch nicht.

Vielleicht bedarf es für eine politische Debatte eines generischeren Ansatzes.

Also sollte auch von Nicht-Bio-Verboten und Fleisch-Verboten in Bio- und Veganrestaurants gesprochen werden, wenn die vollkommen illegitime Entscheidung, keinen Alkohol mehr auszuschenken, angesprochen wird. Und was ist mit dem  Umstand, dass in vielen Schnellrestaurants ebenfalls Alkoholverbot herrscht? Das darf in dieser Diskussion, wenn man schon dabei ist, nicht fehlen. Ja, man müsste das ganze größer aufziehen. Ich finde, man müsste gleich Begriffe wie Food-Faschismus oder so prägen.

Gut, der Ansatz, dass Frauen gleich mitunterdrückt werden, wenn es ein Alkoholverbot in Restaurants muslimischer Prägung gibt, ist vielversprechend. Chapeau.

Das ganze hat aber, wenn man die Debatte ethnisiert oder muslimifiziert und nicht weit genug aufspannt, einen Haken: irgendwelche Nörgler werden dann sagen, das sei doch eine Debatte, die dem Rechtspopulismus entspringe. Oder sie werden sagen: das riecht aber streng nach der kolonialistischen Kulturrevolutionskeule, die nur auf die nicht-weißen Restaurants einprügelt und die weißen Schnellrestaurants verschont, indem diese Debatte dem „Anderen“ vorschreibt, was er zu servieren habe.

Daher mein Tip: schenkt getrost großzügig ein und teilt in alle kulinarischen Richtungen aus. Das sollte jeglichen Verdacht weißer Bevormundung zerstreuen.

In empathischer Solidarität,

 

Murat Gürol

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