„islamischer Terrorismus“ und extremer Säkularismus

„ISLAMISCHER TERRORISMUS“
UND EXTREMER SÄKULARISMUS
Wo ist der Ausweg?

Der Terroranschlag gegen ‚Charlie Hebdo‘ und die darauf folgenden Reaktionen in Frankreich und Europa sind Anlass genug, sich über die Komplementarität dieser beiden Ereignisse und ihrer Hintergründe genauere Gedanken zu machen.

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Mag. Miriam. A. Frisch

Begriffliche Klärungsversuche
Bei der begrifflichen Klärung des sog. ‚islamischen Terrorismus‘, meistens ‚islamistischer Terrorismus‘ genannt, sollte beachtet werden, dass beide Termini westliche Begriffe sind. Denn dass der Islam jeden Terrorismus ablehnt, betonen nicht nur die Mehrheit der Muslime, sondern inzwischen auch westliche ‚Islamexperten‘, wenn sie nicht direkt von Hass erfüllt sind und den Islam als Religion denunzieren, in welcher der Terrorismus selbst begründet ist, ihr also immanent ist. Dazu bedarf es hier keiner Belege, auch wenn das die Terroristen muslimischer Herkunft zu widerlegen scheinen (ob sie sich nun selbst als terroristisch betrachten oder nicht).

Aber auch der Begriff ‚islamistisch‘ ist ein westlicher Begriff, da er normaler Weise für islamische Bewegungen verwendet wird, die Religion und Gesellschaft nicht trennen und eine Verbindung von Religion und Politik bzw. islamischer Religion und Politik als normal voraussetzen. Diese Verbindung bejahen viele Muslime, auch wenn sie den Terrorismus strikt ablehnen und klar zwischen Befreiungsbewegung bzw. legitimer Verteidigung der Rechte von (muslimischen) Gemeinschaften bzw. Staaten und individuellem bzw. Gruppenterrorismus unterscheiden. Die Kriterien dafür brauchen hier nicht dargelegt zu werden, weil sie allgemein bekannt sind und die Abhandlung zu sehr verlängern würden.

Aus der Sicht von säkularistischen Ideologen, Politikern und Journalisten innerhalb und außerhalb des Westens wird jedoch gerade diese Verbindung zwischen Religion und Politik als ‚islamistisch‘ bezeichnet, was üblicher Weise eine negative, pejorative Bedeutung hat. Da der Islam von seiner Entstehung her jedoch immer diese Verbindung hatte, ist für die meisten Muslime dies nicht ‚islamistisch‘, sondern ein ganz natürlicher Zusammenhang, da der Mensch nicht nur ein privates oder individuelles, sondern eben auch ein gesellschaftliches, also politisches Wesen (zoon politikon) ist. Darum ist auch für andere Religionen, vor allem für monotheistische diese Verbindung natürlich und gleichsam unvermeidlich, wenn auch auf unterschiedliche Weise realisiert, oder es wird die Religion eben durch eine andere Weltanschauung ersetzt.

Da aber im Westen (also in Amerika und Europa) die Trennung von Kirche und Staat als organisierter Ausdruck von Religion und Politik das gewünschte und akzeptierte Ergebnis einer bestimmten historischen Entwicklung hin zur westlichen (parlamentarischen) Demokratie ist, wird sie allgemein als fortschrittlich, erstrebenswert und ideal betrachtet und auch für andere Staaten und Kulturen als vorbildlich hingestellt. Dieses Phänomen eben wird allgemein als ‚säkularistisch‘ oder als ‚laizistisch‘ (wie etwa in Frankreich) bezeichnet und meistens als Folge der ‚europäischen Aufklärung‘ und als Teil der ‚Moderne‘ betrachtet. Demgemäß wird auch von den Muslimen allgemein erwartet, dass sie diese Trennung besonders in Europa zumindest respektieren und möglichst auch innerlich akzeptieren. Die westlichen Ideologen erwarten sich auch, dass dieses Modell der ‚säkularen Demokratie‘ mit dem wichtigen Pfeiler der Trennung von Politik und Religion (bzw. Staat und Kirche, die also solches typisch westlich-christlich ist, im Islam gibt es bekanntlich keine ‚Kirche‘) auch in der muslimischen Welt als ideal betrachtet und deshalb übernommen wird. Das lehnen allerdings die meisten muslimischen Gemeinschaften ab, nicht nur aus grundsätzlichen Erwägungen, sondern auch aus der Erfahrung heraus, dass diese Entwicklung häufig mit der politischen und ökonomischen Dominanz des Westens verbunden war und ist. Denn es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass demokratische Regierungen in der muslimischen Welt, sobald sie sich gegen die Dominanz des Westens gewendet haben, von westlichen Ländern oder vom Westen insgesamt bekämpft, ja mit Gewalt beseitigt und anstelle demokratischer Regierungen diktatorische oder monarchische etabliert wurden.

Dies zeigt sich auch daran, dass der Westen bis heute häufig mit diktatorischen und monarchischen Regierungen verbunden war und ist. Die Beispiele dafür gibt es nicht nur in der muslimischen, sondern auch darüber hinaus in der gesamten sog. Dritten Welt, also vor allem in den ehemaligen Kolonialländern (z. B. in Marokko, Algerien, in Jordanien, Saudi-Arabien, Ägypten, Irak usw. usf., wobei natürlich jedes Land seine spezielle Geschichte in Auseinandersetzung mit dem Westen bei der Ausprägung der Staatsform und der Regierungsbildung hat).
Auch der Begriff ‚Dschihadist‘ oder Dschihadismus‘ ist im Westen entstanden und eigentlich durch und durch falsch. Denn der Begriff des Dschihads sagt im Islam etwas ganz anderes als er mit dem sog. Dschihadisten nahelegt, der eigentlich synonym mit ‚islamischer Terrorist‘ verwendet wird, was demgemäß genauso ein Widerspruch ist.

Diese etwas lange Einleitung hat vor allem den Sinn, die verwendeten Begriffe möglichst klar zu definieren sind und ihren politischen und kulturellen Hintergrund zu beleuchten.

Zusammenspiel zwischen dem Pariser Terroranschlag und der politischen Reaktion im Westen?
Somit können wir mit einem besseren Vorverständnis zurückkehren zu den jüngsten Ereignissen in Paris wie die terroristische Kommandoaktion gegen das bekannte Satireblatt und die darauffolgenden landesweiten Solidaritätsdemonstrationen unter dem Schlagwort ‚Je suis Charlie‘, verbunden mit einem ungemeinen medialen Hype in ganz Europa. Bei genauerer Analyse liegt es nämlich durchaus nahe, von einem willkommenen Zusammenspiel zwischen dem schrecklichen Terroranschlag und der massiven öffentlichen Reaktion insgesamt zu sprechen. Als Vergleich lässt sich durchaus der viel grauslichere terroristische Anschlag in Norwegen mit beträchtlich mehr Todesopfern heranziehen, ohne dass dies zu einer ähnlichen öffentlichen Aktion der Politik und der Massen geführt hätte. Dies liegt eben daran, dass der norwegische Terrorakt nicht ‚islamisch‘, sondern gleichsam rein politisch bzw. ausländerfeindlich und antiislamisch motiviert war, wobei der Attentäter christlicher Herkunft war (durch den durchaus ideologisch motivierten Anschlag sollte gleichsam die abendländisch-christlich-norwegische Identität vor Überfremdung geschützt werden). Trotzdem wurden daraus keine antichristlichen Protestaktionen hervorgerufen oder auch nur angeregt.

Tiefe Krise des westlichen „säkularistischen Systems“
In Frankreich hingegeben spielte von Anfang an die islamische Dimension des Anschlags auch bei den Medien eine entscheidende Rolle, wobei inzwischen auch durch den Aufstieg des ‚Islamischen Staates‘ der ‚islamistische Terrorismus‘ von viel größerer Bedeutung geworden ist. Gleichzeitig erfolgte dieser verbrecherische Akt zu einem Zeitpunkt, als sich die ökonomische und politische Krise in Europa nicht nur nicht abgeschwächt, sondern aufgrund verschiedener wirtschaftlicher und politischer Faktoren sogar verschärft und der große Unmut darüber in der Bevölkerung eine breite Basis erreicht hat. Das gilt abgesehen von der neuen Entwicklung in Griechenland durchaus und gerade auch für Frankreich, wie leicht festzustellen ist.

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass sich gerade angesichts dieser Gewalttat und ihrer Folgen mit einem Schlag neben dem Erstarken des Terrorismus in Europa wohl auch deutlich eines gezeigt hat, nämlich die heillose Krise des europäischen säkularistischen Systems (in seiner extremen und späten Form) und zwar auf allen Ebenen: wirtschaftlich, politisch und kulturell.

Wirtschaftlich – denn wer kann leugnen, dass die tiefe wirtschaftliche Krise durch das hemmungslose Glücksrittertum durch eine scheinbar unkontrollierbare ‚raubtierkapitalistische‘ Finanzoligarchie bzw. –Mafia verursacht und bis heute nicht gebändigt wurde und die Folgen dafür auch die europäischen Völker zu tragen haben, in welcher Weise auch immer.

Politisch – denn es erweisen sich die politischen Repräsentanten immer mehr als hilflose ,Witzfiguren‘ (speziell in Frankreich, wo nicht zufällig ‚Pimmel und Präsident‘ – Verzeihung – geradezu synonym erschienen, und zwar nicht nur in bekannten Witzblättern), welche keinen Ausweg aus der Sackgasse wissen und extremistischen Gruppen und Parteien durch ihr jämmerliches Getue Vorschub leisten – auf nationaler und europäischer Ebene.

Schließlich kulturell – dies vor allem durch die immer aufdringlichere Manie, alles lächerlich und vor allem islamische Heiligkeiten und Werte verächtlich zu machen und das auch noch lustig zu finden, gleichsam unter dem später formulierten Motto: Karikatur darf alles; auch wenn einem die Fratze des Nichts [i] entgegengrinst, sich dabei aber auch noch erhaben zu fühlen, weil alles Heilige, vor allem das anderer, in den Schmutz gezogen wird. Diese nihilistische Einstellung schafft aber kein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern höchstens die hämische Schadenfreude, andere, vor allem religiöse Muslime verspottet, beleidigt und hemmungslos erniedrigt bzw. niedergemacht zu haben.

Die ‚neue europäische Seele‘ gegen Krise und Bedrohung?
Durch den scheinbar ganz überraschenden gewalttätigen Anschlag mit mehreren Toten noch dazu im islamischen Namen ergab sich jedoch die einmalige Gelegenheit, in großen Demonstrationen und durch Versammlungen von europäischen außereuropäischen Politikern (inkl. Netanjahu) in Paris, begleitet von einem ungeheuren Medienrummel, gleichsam eine scheinbar ganz spontane und neue Identität, ja nationale und übernationale Volksgemeinschaft zu erschaffen. Sie definierte sich in der Forderung nach ‚Pressefreiheit‘ als Abgott, als uneingeschränkten, ja obersten Wert der westlichen Demokratie, der auch das Recht auf jede Beleidigung von Religion, besonders des Islams und seines Propheten einschloss. Plötzlich wurde aus einer ursprünglich destruktiven und gehässigen Einstellung ein positives und aktivierendes, ja offensiv-aggressives Gefühl, das die sonst divergierenden Interessen in einem Punkt, nämlich in der Forderung nach unbegrenzter Presse- und Meinungsfreiheit (inkl. Beileidigungsfreiheit) überwinden und eine machtvolle Einheit von vielen Millionen Demonstranten in Wort und Tat herstellen sollte. Frankreich und Europa insgesamt sollte durch die geschlossene Verteidigung ‚seiner obersten Werte‘ endlich eine wirksame „Seele“ eingehaucht und in der Stunde der Gefahr zu neuem Leben erweckt werden.

Mit einem Wort: die plötzlich ins Maßlose gesteigerte Bedrohung durch den Terrorismus sollte in einer Zeit der Krise, für die eher das Motto ‚jeder gegen jeden‘ und ‚rette sich wer kann‘ kennzeichnend war, sollte durch die kollektive Losung ‚Satire darf alles‘ ein Kollektivbewusstsein kreiert werden, um aus dem kalten Körper der EU ein ‚warmes Kollektiv‘ zu machen. Weil man der langfristigen Wirkung dieser ‚Massenseele‘ (s. E. Canetti) nicht allzu sehr traut, soll die Gunst der Stunde beim Kampf gegen den Terrorismus präventiv nach einer Art schneller Bürgerkriegsübung durch das Militär in Frankreich genützt werden, aber darüber hinaus sollen in ganz Europa durch Verstärkung von Sicherheitsmaßnahmen wie die Förderung der Geheimdienste, die Aufrüstung und verstärkte Ausrüstung der Polizei und ähnlicher Einrichtungen, ob privat oder staatlich, die Stärkung von Europol etc. die Fähigkeit zur Repression der Bevölkerung in kritischen Situation verbessert und gesetzlich abgesichert werden.

(Das Bekenntnis eines sog. Al-Kaida-Führers in Jemen, dass der terroristische Anschlag von dort aus geplant gewesen sei, und das Lob an seine Exekutoren an Paris bestätigt direkt die mediale Propaganda in Europa. Diese arrogante Anmaße der sog. Terror-Masterminds soll vergessen machen, dass die meisten Terrorgruppen längst geheimdienstlich unterwandert sind, wobei sich die Dienste in ihrer Strategie nicht immer einig sind. Opfer dieser schmutzigen Machenschaften sind vor allem die französischen Muslime, die seither verstärkten Übergriffen und Anschläge ausgesetzt sind, die kaum einen medialen Widerhall finden oder selbstverständlich hingenommen werden).
Zudem soll das neue Europa in bewährter Tradition auch durch Erinnerungen an die Geschichte so geeinigt und aufgerüstet werden, dass es wieder zu einer Festung gegen den Islam im Inneren werden kann.

Wahre Demokratie?!
Bei all der künstlich gesteigerten Aufwallung der Gefühle sollte aber der kritische Verstand nicht abgeschaltet und die Gefahr für die ‚aufgeklärte Demokratie‘ nicht übersehen werden. Denn sie wird nicht durch die manipulierbaren Konsumenten, entfesselte Karikaturisten und Kabarettisten, grenzenlose Hedonisten und die vielen jugendlichen Verweigerer und Aussteiger aus Frustration und Perspektivlosigkeit aufrechterhalten und gesichert. Sie bedarf für ihren Bestand mehr denn je der mündigen, vernünftigen Bürger (sapere aude! – Kant) allgemein anerkannter, grundlegender menschlicher Werte wie des gegenseitigen Respekts und unverzichtbaren Anstands, des aktiven Miteinanders und der Solidarität, des breiten Konsenses durch einen rationalen, wenn auch kontroversen Diskurs, ob diese Werte als Gegengewicht zum bloßen Relativismus von den traditionellen Religionen und humanistischer Ideen stammen oder durch die aufrichtige Vermittlung des Ideals vom vorbildlichen Menschen wirken (‚edel sei der Mensch, hilfreich und gut…!‘). Sonst degeneriert die einst hart erkämpfte ‚bürgerliche Demokratie‘ durch die zerstörerischen und extremistischen Kräfte zur populistischen Demokratur bzw. Demokarikatur und zur verschleierten Oligarchie, welche die Massen beliebig zu manipulieren versucht, sie aber letztlich in dumpfer Passivität hält und zum Stimmvieh degradiert, entmündigt vom Gefühl, dass man ohnehin nichts ändern könne.

Islamophobie und Umerziehung – Zwickmühle der Muslime in Europa
In dieser extrem säkularisierten, um nicht zu sagen, aus den Fugen geratene ‚Demokratie werden natürlich vor allem die gläubigen Muslime unter dem Deckmantel der mangelhaften Integrationsfähigkeit und der Verhinderung des Terrorismus zur Zielscheibe des Angriffs. So wie es jetzt ausschaut, soll die Masse der Muslime, vor allem die jungen, die ihre Identität noch nicht verloren haben, einer massiven Umerziehung unterworfen werden, und zwar auf jene Art, wie sie die Minderheiten in der (faschistischen) Zwischenkriegszeit und die durch Amerika besiegten Völker nach dem 2. Weltkrieg über sich ergehen lassen mussten und besonders die Palästinenser in Israel ziemlich massiv erdulden müssen.

Kulturelle Arroganz
Nicht mehr die Muslime selbst sollen definieren dürfen, was Islam ist, sondern die vielen Ideologen, Politiker und Islamexperten des Westens wollen sich in bewährter Arroganz die Deutungshoheit dessen, was Islam in Europa heutzutage zu sein hat, anmaßen und quasi zum Schutz der Muslime selbst bestimmen, was sie glauben und wie sie ihre Religion praktizieren sollen. Besonders ‚hilfreich‘ unverschämt sind hier jene ‚muslimischen‘ Professoren, Fachleute und Pädagogen, deren sich die westlichen Medien, Institutionen und Bildungseinrichtungen aller Art bedienen, welche allüberall schon das ‚extremistische‘ Gras wachsen hören und die schlimme Saat des Terrorismus sprießen sehen, obwohl sie selbst keine gründliche Ausbildung über und deshalb kaum Ahnung vom Islam haben oder in Wahrheit aus der islamischen Gemeinschaft längst ausgestiegen sind. Sie scheuen sich nicht einmal, ihre mangelhaft geschriebenen Kommentare und Analysen von bewährten Journalisten in ein begrifflich schön assimiliertes Deutsch verbessern zu lassen, liefern aber den Politikern und Bildungsbürokraten die zusätzliche Legitimation, allerhand Kontrolleure, uniformiert oder nicht, sogar in die Kindergärten ‚auf- und einmarschieren‘ zu lassen, um den wehrlosen Opfern von Kindesbeinen an rechtzeitig die Anfälligkeit für den Terrorismus auszutreiben. Diese ‚Islamkritiker‘ von innen können sich als gern gesehene Teilnehmer an Talk-Shows und öffentlichen Diskussionen einen klingenden Namen als Insiderfachleute machen, so dass ihr Preis im zweifachen Sinn des Wortes stetig steigt, obwohl sie ja natürlich ganz ‚selbstlos‘ zum Schutz der gefährdeten Kinder und der Demokratie auftreten.

Dieser systematische Versuch der Umerziehung soll in Österreich etwa durch die sog. Reform des Islamgesetzes legistisch abgesichert werden, vor allem u. a. dadurch, dass die an die Universität berufenen Dozenten über „Islamische Studien“ nicht der Zustimmung der Islamischen Glaubensgemeinschaft unterliegen, ja nicht einmal unbedingt Muslime sein müssen; ganz abgesehen davon, dass diese Reform die Gleichstellung der muslimischen Religionsgesellschaft mit den anderen, etwa mit der Israelitischen Kultusgemeinde und den christlichen Kirchen vermissen lässt und auch aus anderen Gründen eine Schlechterstellung im Vergleich zu früher bedeutet.

Die Zukunft der Muslime in Europa inkl. Österreichs, das bisher als Hort der Toleranz gegenüber dem Islam und den Muslimen galt, scheint also insgesamt gar nicht gut auszuschauen und soll offenbar dazu führen, den Muslimen durch den schrillen Ruf nach einem ‚europäischen Islam‘ die genuine islamische Identität zu nehmen und ihnen im Namen des Kampfes gegen Extremismus und Terrorismus das Rückgrat des Widerstands gegen Diskriminierung, Islamophobie und doppelte Standards zu brechen und sie schrittweise so zu konditionieren, dass sie schließlich zu Kreuze kriechen; aber nicht zum Kreuz des Christentums, sondern unter das des extremen Laizismus, des absolut gesetzten säkularen Fortschritts und der Religionsverdrängung, der eiligen Bereitschaft, im Namen des Abgotts der Freiheit der Presse und Kunst, ihre Religion, deren Heiligkeiten und Wert und damit sich selbst widerstandslos beleidigen und einschüchtern zu lassen (unter dem Motto: das muss man sich in der ‚heutigen Demokratie‘ schon gefallen lassen).

Hypothek durch die Herkunftsländer
Dazu kommt die schwere Hypothek der Muslime in Europa, dass die meisten ihrer Herkunftsländer (bzw. jener ihrer Eltern) wirtschaftliche, soziale und politische Missstände aufweisen, welche die Wurzeln ihrer Emigration waren und sind, und deren Repräsentanten den Islam so schrecklich praktizieren bzw. für Unterdrückung und Degradation missbrauchen, dass man fast nur davonlaufen kann oder sich als Irrweg den Terroristen glaubt anschließen zu müssen oder zu dürfen. Bemerkenswerter Weise sind aber bekanntlich besonders auch die europäischen Großmächte für diese Zustände mitverantwortlich und sind nach der Zeit des Kolonialismus traditionell die besten neokolonialistischen Freunde und Komplizen der Monarchen, Diktatoren, Autokraten und Despoten in der muslimischen Welt (besonders deutlich zeigte sich das wieder einmal anlässlich des kürzlichen Ablebens des saudiarabischen Monarchen, der auch in den westlichen ‚Qualitätsmedien‘ nicht nur als wichtigster Verbündeter Amerikas, sondern geradezu als ‚reformorientierter, volkstümlicher‘ Potentat gepriesen wurde (natürlich mit den üblichen Alibi-Hinweisen auf die Menschenrechtsverletzungen in diesem Land – auf die westlichen Politiker fällt einem dabei nur das Sprichwort ein: ‚Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist‘)

Was nun?
Optimismus statt Resignation, Mut statt Selbstaufgabe, Widerstand statt Rückzug
Es ist verständlich, dass sich angesichts dieser Entwicklung bei vielen Muslimen, ob jung oder alt, Resignation und Depression breit machen. Es ist klar, dass eine Minderheit in einer solchen Situation an ihrer eigenen Kraft zu zweifeln beginnt und sich Gedanken der Kapitulation und des Rückzugs einzuschleichen beginnen. Noch dazu machen viele die Erfahrung der mangelnden Einheit, die in diese Lage besonders wichtig wäre. Auch wenn sehr erfreuliche Anzeichen eines Erwachens und neuen Widerstandsgeistes besonders bei den Jungen zu beobachten sind, gibt es auch die Neigung zu falschen Kompromissen, Opportunismus und Selbstaufgabe. Es geht schließlich auch um die Frage, wie den neu entstandenen Herausforderungen, vor allem der massiven Einschüchterung möglichst wirksam begegnet werden soll.

Bei all den bedrückenden Phänomenen soll aber der Blick in die Tiefe und die langfristige Perspektive nicht verloren gehen. Und aus der Geschichte lernt man, dass gerade Minderheiten, wenn sie von ihrer Sache überzeugt und opferbereit sind, immer wieder die Lage verändert haben. (Mir steht es nicht zu, hier an die islamischen Ideale zu appellieren, welche die Muslime selbst genug kennen; aber vielleicht haben manche von außen einen klareren Blick, als jemand, der von den Verhältnissen im Inneren zu sehr befangen ist. Deshalb erlaube ich mir hier einige Anmerkungen, auch wenn sie vielleicht nur teilweise zutreffend sind).

Zunächst ist es wohl unverzichtbar sich über jene Grundlagen und Werte einig zu sein, welche der Islam als Zentrum seiner Identität und Botschaft verkündet. Dazu gehören wohl unbestreitbar neben den bekannten Grundsätzen und Säulen, dass der Islam sich als Religion der Einheit, Gerechtigkeit sowie des Friedens und der Liebe bzw. Brüderlichkeit (Schwesterlichkeit) versteht und die grundlegenden menschlichen Werte der gegenseitigen Rücksicht und Fairness sehr hochschätzt. Das schließt natürlich die Achtung des guten Zusammenlebens auf Basis der Gleichberechtigung aller Bürger, der religiösen Toleranz und Kooperation zum gegenseitigen Nutzen mit ein. Das hat gerade in Österreich eine sehr gute Tradition, die nicht geschwächt, sondern ausgebaut und gestärkt werden soll. Auf diesem Weg kann man weiterhin den verstärkt auftretenden Vorurteilen gegenüber dem Islam vor allem durch die Praxis entgegentreten und die Plattform zur Erhaltung der wichtigen demokratischen Grundsätze ausbauen und erweitern. Vor allem sollen die Muslime nicht wehleidig sein und sich bloß als Opfer wahrnehmen, statt durch selbstbewusste Aussagen und Aktionen die Einheit untereinander und mit anderen Bürgern dort suchen, wo diese Bereitschaft vorhanden ist, und sei es nur für bestimmte Anlässe und Anliegen.
Dabei sollen nicht nur die religiös orientierten Mitbürger als ‚Geschwister‘ oder Verbündete betrachtet werden, sondern auch nichtreligiöse Aktivisten, für welche etwa die soziale und globale Gerechtigkeit, der Umweltschutz, die Verteidigung kultureller Werte etc. ein wichtiges Anliegen sind, auch wenn sie religiösen Aktivitäten vielleicht skeptisch begegnen (ein Kämpfer für Gerechtigkeit ist vielleicht gottwohlgefälliger als ein religiöser Quietist, dem alles in seiner Umgebung gleichgültig ist; dabei sollte es sowieso nicht die Aufgabe religiöser Menschen sei, was manche engstirnigen bigotte Dogmatiker sich anmaßen, nämlich jemandem allzu hurtig die Rechtgläubigkeit abzusprechen oder als ‚Ungläubigen‘ zu denunzieren – das ist genau die Attitüde der Extremisten auf allen Seiten).

Religion und Politik
Auch wenn die Muslime die Trennung von Kirche und Staat in einem demokratischen Land respektieren, bedeutet das nicht die Abstinenz von politischer Aktivität, sondern im Gegenteil die Beteiligung am politischen Leben wie aller anderen Bürger und dabei gegen Diskriminierung, Extremismus, doppelte Standards und Islamophobie genauso auftreten wie gegen Antisemitismus und Feindseligkeit gegenüber Christen. Die Muslime sollten auch darauf hinweisen, wer alles von der Islamophobie profitiert. Das sind nicht nur die rechtsextremistischen Parteien mit ihrer ausländerfeindlichen und populistischen Politik, sondern auch die sog. Liberalen, welche sich vor allem gegen jene Religionen wenden, welche für die Gerechtigkeit eintreten und gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders im Gefolge der Krise des Raub- und Finanzkapitalismus Widerstand leisten. Zudem profitieren von der Islamophobie auch die hegemonialen und imperialistischen Großmächte, welche diese Ideologie als Rechtfertigung für ihre Unterdrückungspolitik gegenüber der muslimischen Welt missbrauchen; und schließlich profitiert selbstverständlich auch Israel von der Islamophobie nicht nur gegenüber dem palästinensischen Volk, sondern gegenüber der islamischen Widerstands- und Freiheitsbewegung, die sich dem zionistischen Rassismus und Expansionismus widersetzt.

Zudem sollten die Muslime auch der missbräuchlichen Verwendung islamischer Begriffe entgegentreten, vor allem wie schon vorher erwähnt jener des Dschihads, den ja auch die Terroristen völlig missbrauchen. Hier sollte eindeutig herausgearbeitet werden, dass die verschiedenen Dimensionen des Dschihads vor allem dem Frieden und der Harmonie in einer Gesellschaft als auch der Verteidigung und positiven Entwicklung des Individuums und der Gesellschaft dienen. Den Dschihad-un-nafs könnte genauso gut mit Selbsterziehung übersetzen, weil das eben auch die Anstrengung zur Überwindung des eigenen Egos bedeutet.

Besondere Bedeutung der (muslimischen) Jugend in Europa
Insgesamt kommt in der Zeit der zunehmenden Islamfeindlichkeit der muslimischen Jugend in Europa und im ganzen Westen eine besondere Bedeutung zu. Sie sollte auf der Basis des Studiums der wahren islamischen Quellen die Kernbotschaft des Islams herausarbeiten und ihr eine neue, jugendliche Frische verleihen. Mutig sollte sie dabei auch den falschen Traditionen in der muslimischen Gemeinschaft entgegentreten und das wahre und schöne Gesicht des Islams von seinen Verzerrungen durch die Extremisten und Feinde reinigen und ihn als Religion der Einheit, der Harmonie, des Friedens bezeugen, und damit auch als Religion des Widerstands gegen Unrecht, Ausbeutung, Unterdrückung, Beleidigung, kulturelle Barbarei und moralischer Niedergang, Perspektivlosigkeit der Jugend und Zunahme von Aggressivität in der Gesellschaft durch Extremismus und Hemmungslosigkeit. Die Jugendlichen sollten auch muslimische Selbstkritik bezüglich der Zustände in den muslimischen Ländern und der islamischen Geschichte üben und mit Vernunft die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen. Sie sollen sich nicht scheuen, falsche kulturelle Traditionen in den eigenen Gemeinschaften anzuprangern und eine neue Ebene der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit über die nationalen, kulturellen und Rechtschulgrenzen hinaus zu schaffen.

Wenn sie in diesem Sinn initiativ wird und ein frisches Denken und Handeln in die ‚Ummah‘ bringt, wird sie ihrer Verantwortung für die nächste Generation gerecht werden und so eine gute Zukunft für sie aufbauen. Dazu ist es auch nötig, sich gründlich in allen Belangen auszubilden und ein zeitgemäßes, geistig unabhängiges islamisches Bildungskonzept zu entwickeln, damit stabile Familien aufgebaut werden können und die wachsenden Bedürfnisse für die gesamte Gemeinschaft durch die Ausbildung von kompetenten Experten und überzeugenden Vorbildern gestillt werden können. Wenn ihr das gelingt, wird sie auch dazu beitragen können, die Jugend in Europa überhaupt davor zu bewahren, in die Falle der Islamophobie zu tappen. Denn diese hat noch die Chance, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen und so zu durchschauen, warum die westlichen Mächte den ‚islamischen Terrorismus‘ zur Durchsetzung ihrer imperialen Strategie genauso brauchen wie die Islamophobie. Mit ihrer Fähigkeit, selbstständig und unvoreingenommen zu denken und zu urteilen, kann sie verhindern, selbst wieder zum Kanonenfutter eines skrupellosen Kulturkampfes und schließlich eines wirklichen globalen Krieges zu werden.

Die muslimische Jugend kann und soll sie sich an jenen Kräften in der islamischen Welt orientieren, welche im Widerstand gegen Hegemonismus, Imperialismus, Zionismus, Nationalismus und Extremismus die Voraussetzung für eine gute Zukunft der muslimischen Welt zu schaffen versuchen, damit endlich wieder die universelle Hoffnung auf eine positive und menschenwürdige Zukunft der Menschheit Resignation und Pessimismus überwindet . Denn so werden auch wieder Zuversicht und Optimismus auf Befreiung bei anderen Völkern und Kulturen zunehmen, wie es in der Anfangszeit des Islams gewesen ist.

Ausblick
So schwierig die Lage zur Zeit erscheint und ist, soll auch nicht übersehen werden, dass sie gleichzeitig eine Chance birgt, die großen Herausforderungen zu bewältigen, die großen Hindernisse zu überwinden und die Prüfung für die Errichtung einer neuen islamischen Gemeinschaft auch in Europa zu bestehen.

Das gemeinsame Handeln soll jetzt von den allgemeinen menschlichen Grundsätzen geleitet werden: nicht beleidigen, aber sich auch nicht beleidigen lassen; nicht unterdrücken, aber sich auch nicht unterdrücken lassen, nicht ausnützen und ausbeuten, aber sich auch nicht ausnützen und ausbeuten lassen; mit einem Wort auf gut österreichisch: (richtig) leben und leben lassen. Darin steckt mehr als man glaubt.

Mag. Miriam. A. Frisch

 

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[i] Sieh: Faust I Mephisto über sich selbst): Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.

 

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